Forschungs-Blog

Unser Weg zu einem klimaneutralen Gebäude

KlimaTische-Diskussionen

Die Auseinandersetzung der Baugruppe mit dem klimafreundlichen Bauen

Wir kurbeln auch innerhalb der Baugruppe den Diskurs um das nachhaltige Bauen und die ökologischen Aspekte unseres Gebäudes an. Dadurch werden uns die Auswirkungen unseres Vorhabens und die Hebel, die wir in der Hand haben, immer klarer. Das wiederum hilft der Gruppe, die Wichtigkeit, aber auch die Möglichkeiten eines umweltbewussten Bauens zu erkennen und die notwendige Motivation zu finden, sich im langwierigen Projektverlauf stets dafür einzusetzen. Immerhin ist das klimafreundliche Bauen eine große Herausforderung für alle Beteiligten – nicht nur finanziell.

Dafür haben wir das Format “KlimaTisch” ins Leben gerufen: Bei den regelmäßig stattfindenden Gesprächen setzen sich das Forschungsteam und alle Interessierten der Baugruppe intensiv mit dem klimafreundlichen Bauen und den ökologischen Aspekten unseres Gebäudes auseinander.

Menschen sitzen und die Architekt*innen präsentieren ihre Analysegrafiken

Einszueins Architektur präsentieren beim Baugruppentreffen im Jänner 2023 eine Analyse, die als Basis unserer klima-tischen Gespräche dient. Foto: VàW

Klimagrafiken und -rechnungen

Wenn man in ein Projekt involviert ist, das ökologische Ansprüche hat, ist man geneigt dazu, sich mit anderen zu vergleichen – nicht nur um zu wissen wo man steht, sondern auch, um aus den Problemen oder Fehlern anderer zu lernen. Die Frage nach dem ökologischen … lässt sich jedoch gar nicht so leicht beantworten.

Unsere Partner*innen im Forschungsprojekt Klimademo Vis-à-Vis haben eine Analyse erstellt , die unser Gebäude auf seine Lebenszyklusphasen herunterbricht: Innerhalb der Bauphase wird es analytisch in Bauteile bzw. Bauteilvarianten und schließlich in Materialien aufgeschlüsselt. Auch für die Phasen nach dem Bau (Nutzungsphase und schließlich der Abbruch) werden Herangehensweisen und Varianten verglichen. So wird die Komplexität der Sache heruntergebrochen und verständlich gemacht. Aber das muss wohl in einem eigenen Blogbeitrag genauer erklärt werden.

Bei einem Großgruppentreffen hat das Architekturbüro einszueins bestens aufbereitete Grafiken zu dieser Analyse präsentiert. Wir haben anhand derer die Auswirkungen spezifischer baulicher Maßnahmen erkannt und diskutiert: Die Effekte einer (Holz-) Fassade sind bezüglich ihrer CO₂-Bilanz beispielsweise relativ gering im Vergleich zu jener der Tragkonstruktion.

Außerdem zeigte sich, dass ein wirklich klimaneutrales Gebäude (mit einer negativen CO₂-Bilanz) in dieser Größe nicht zu bewerkstelligen ist. Selbst das Best-Case-Szenario eines stroh- und holzfasergedämmten Holzhauses, dessen Realisierung momentan wirtschaftlich und technisch absolut unmöglich ist, erwirkt bei Aufgabe aller Dachflächen für Photovoltaik und nachhaltigster Nutzung über seinen 50-jährigen Lebenszyklus betrachtet nur ganz knapp CO₂-Neutralität.

Graph - Lebenszyklusbetrachtung
Graph - Lebenszyklusbetrachtung
Lebenszyklusphasen lt. EN

Lebenszyklusbetrachtungen von einem utopischen Best-Case-Szenario (Variante 4 – oben) und einem realitätsnahen “gelungenen” Szenario für das Vis-à-Vis-Haus (Variante 1). Auszüge aus der Analyse des Forschungsteams (Vorabzug) – Grafiken: einszueins

Klimarechnung für “Dummies”

Bei der internen Diskussion an den KlimaTischen haben wir schnell gemerkt, dass das Greifbarmachen und Vergleichen von “Klimafreundlichkeiten” trotz allem Herunterbrechen und Veranschaulichen eine komplexe Sache bleibt und vor allem uns Laien oft nicht ganz schlüssig scheint. 

Obwohl noch kein Konsens der Begriffsdefinition zur Klimarechnung existiert und ihre Bilanzgrenzen oft neu gezogen werden müssen, ist einiges schon recht gefestigt: Die europäische Norm beschreibt zum Beispiel genau, was die Lebenszyklusphasen A bis D beinhalten. Wenn man sich einmal damit beschäftigt hat, begegnen die einem immer wieder. Trotzdem muss man sich beim Studieren von Öko- oder CO₂-Bilanzen und anderen Klimarechnungen stets bewusst machen, was genau berücksichtigt wurde: Stehen nur gebundene bzw. in der Herstellung frei werdende Treibhausgase in Betracht, oder sind auch Transportwege mit dabei, der Fußabdruck von Montagearbeiten, Wasserverbrauch, etc.? Wird die Nachnutzbarkeit eines Produkts, eines Bauteils, eines Materials in Erwägung gezogen, oder geht es lediglich um seine Herstellung? Sind bei Gebäuden die Emissionen des Abreißens miteingerechnet, die Mobiltät seiner Nutzer*innen, die versiegelte Fläche, die Wohndichte, die Erzeugung der Nutzenergie (Strom, Wärme, etc.), …? Daneben gibt es noch andere naturwissenschaftliche Kennzahlen, wie etwa das Versauerungspotenzial (SO2-Äquivalent) oder den Primärenergiegehalt.

Skepsis

Außerdem hat sich – auch wegen der Komplexität – eine gewisse Skepsis gegenüber rechnerischen Klimabilanzen gezeigt. Die Frage ist öfters aufgekommen, wo denn das Holz herkomme – ob etwa rumänische Urwälder billig abgeholzt werden würden, die dann über lange Verkehrswege nach Österreich kämen. Solche Überlegungen sind wichtig und werden rechnerisch (meistens) ausgeklammert, gelten aber für alle Baustoffe gleichermaßen: Bei Stahl, Zement oder dem Sand, einer globalen Mangelware, stellt sich niemandem die Frage der Herkunft oder der Lieferketten. Markus Zilker von einszueins hat diese Denkweise damit verglichen, wie grünen Politiker*innen oft einzelne Flugreisen vorgeworfen werden, während ihre klimatisch un-engagierten Pendants sorglos in jedes Flugzeug steigen dürfen. 

Unterm Strich gilt: Die Frage nach der Herkunft des Holzes ist natürlich wichtig (Herkunft und nachhaltige Beforstung sollten Voraussetzung sein) darf aber nicht vom Kern des Vergleichs zwischen Holz und Beton ablenken: In Summe binden Holzprodukte mehr CO₂ als sie verursachen und sind daher klimapositiv. Andere Baustoffe hingegen schaden dem Klima, weil ihre Herstellung zusätzliches CO₂ in die Atmosphäre bringt.

Schließlich hat sich die Frage gestellt, wie die Verwendung von Holz nachhaltig sein kann, wenn es irgendwann wieder CO₂ abgäbe: Während des Wachstums bindet ein Baum CO₂ aus der Atmosphäre und speichert es im Holz. Wenn es dann für den Bau verwendet wird, bleibt das CO₂ darin gespeichert. Wenn das Holz nach seiner Nutzungsdauer entsorgt oder verbrannt wird, wird das CO₂ jedoch wieder freigesetzt – auch wenn es verrottet. Im Idealfall wird das Holz jedoch recycelt oder wiederverwendet, wodurch die CO₂-Bilanz weiter verbessert wird. Darüber hinaus kann Holz auch als nachwachsender Rohstoff betrachtet werden, der im Gegensatz zu nicht erneuerbaren Materialien wie Beton oder Stahl weniger Ressourcen verbraucht und weniger Energie bei der Herstellung benötigt.

Meeting des Forschungs-Konsortialteams im April 2023 - Menschen um einen Tisch

Das Vis-à-Wien-Forschungsteam lernt von den Profis. Foto: VàW

Beispiel Parkettböden

Wir haben am zweiten KlimaTisch eine Diskussion über Bodenbeläge angeregt, da diese nicht nur greifbar und allgegenwärtig sind, sondern die Baugruppe bei der Auswahl bestenfalls auch mitreden kann. 

Hierfür hat uns das IBO mehrere mögliche Varianten und Beispiele zur Erwägung vorgeschlagen – hier angeführt mit ihrem Treibhauspotential (GWP – Global Warming Potential) in Kilogramm CO₂-Äquivalent pro 100 Quadratmeter: 

  • Massivholzparkett, GWP: -14,0
  • Mehrschichtparkett mit dünner Massivholznutzschicht, GWP: -6,6 
  • Laminat, GWP: +0,06

Als Nutzer*innen würden die meisten von uns natürlich das teurere Massivholz (nicht nur wegen seiner ökologischen Qualität) bevorzugen, solange sie es sich leisten können. Im geförderten Wohnbau ist sein Einsatz aus finanzieller Sicht aber nicht möglich. Als vierte Variante und Best-Case-Szenario käme noch die Wiederverwendung von (Re-Use) Massivholzparkett in Frage, was zwar noch ökologischer wäre, aber potentiell auch noch unerschwinglicher: Durch logistischen Mehraufwand und möglicherweise höheren Arbeitsaufwand aufgrund von Rückbau und Behandlung sind die Kosten schwer kalkulierbar.

Ein weiterer Vorschlag war, auf Bodenbeläge (zumindest stellenweise) ganz und gar zu verzichten und den Estrich als Nutzschicht auszuführen. Das hätte auch den bauphysikalischen Vorteil, dass zwischen den Fußbodenheizrohren, die im Estrich liegen, und der Raumluft keine wärmedämmende Schicht mehr läge. Das Aufwerten eines Estrichs zur Nutzschicht durch etwa Flügelglätten und Oberflächenbehandlung ist jedoch in so kleinen Räumen wie jenen von Wohnungen technisch kaum realisierbar. 

Nutzung

Auch der Teil zur Nutzungsphase sorgte für Diskussionen, da hier der Betrieb des Gebäudes über fünf Jahrzehnte ähnlich viele Emissionen verursacht, wie die Herstellungsphase überhaupt bestenfalls einsparen kann. Wir künftige Nutzer*innen können diese Phase am meisten beeinflussen.

Wir denken, dass wir als Baugruppe einen Beitrag leisten können, indem wir für uns selbst als Bewohner*innen Anreize zu energieeffizientem und ressourcenschonendem Verhalten schaffen. Das Teilen von vorhandenen Ressourcen ist dabei ein wichtiger Aspekt, was nicht nur Mobilität und Gebrauchsgegenstände umfasst, sondern eben auch Fläche pro Person. Wir als Gruppe haben Vorbildwirkung – untereinander, aber auch nach außen, über sozioökonomische und -demographische Bubbles hinaus.

Bei der Diskussion um persönlichen Verzicht im Sinne der Ökologie muss berücksichtig werden, dass der CO₂-Fußabdruck, der ja in seiner eigentlichen Bedeutung den Lebensstil einer Person bewertet, zwar eine gültige Vergleichsgröße ist, jedoch durch die Ölindustrie und profitorientierte Großkonzerne propagiert wurde. Ziel war und ist es, die ökologische ökologische Verantwortung auf die Konsument*innen abzuwälzen. Wenn wir bezüglich persönlichen Verzichts keine Grenze zögen, dürften wir schließlich kein Haus bauen und höchstens in Zelten auf dem Baugrund leben.

Baubranche

Zirka 40 Prozent der CO₂-Emissionen weltweit werden durch die Baubranche verursacht und 40 Prozent aller europäischen Energie fließen in den Bausektor. Daher ist das ökologische Bauen dringend notwendig, und wir freuen uns, mit unserem Projektteam dazu einen Beitrag zu leisten.

Die Analyse zeigt, dass unser Bauvorhaben in der derzeitigen Planung im Vergleich zu einem “konventionellen” Massivbeton-Gebäude 2.642 Tonnen CO₂-Äquivalente einspart, was zirka 880 Flügen von Wien nach New York und wieder retour entspricht. Mittlerweile liegen uns Angebote von Baufirmen vor, die einen signifikanten Preisunterschied von Millionen von Euros zeigen. Warum das ökologische Bauen so viel teurer ist, ist wiederum ein eigenes Kapitel. Ein naiver Vergleich mit dem Fliegen lässt aber den Gedanken zu: Umgemünzt müsste die CO₂-Kompensationszahlung für einen einzelnen Flug statt bei zirka 30€ bei Tausenden von Euros liegen.

Es liegt noch viel Arbeit vor uns, bis ökologisches Bauen im geförderten Wohnbau zur Regel wird und nicht die Ausnahme bleibt.