Forschungs-Blog

Unser Weg zu einem klimaneutralen Gebäude

Geschichte Vis-à-Wiens Teil 6

Wir haben ein Grundstück!

Mitglieder: 26 Erwachsene, 5 Kinder

Zeitraum: September 2020 – März 2021, 4 ½ Jahre vor geplantem Einzug

Größte Herausforderung: Wettbewerb und Gruppenerweiterung unter einen Hut zu bringen

Schönster Moment: Wir haben den Wettbewerb gewonnen! Wir haben ein Grundstück!

Aktuelle Themen: Zeit des Wettbewerbs, Gruppenerweiterung, Holzbau

Wir starteten mit vollem Einsatz in den Wettbewerb im Village im Dritten. Die Aufregung war groß und sofort wurden die Unterlagen unter die Lupe genommen. Die größte Frage, die dabei auftauchte, war: Ist ein Holzbau möglich? Auf den ersten Blick soll ein Holzbau, wegen zu großer Erschütterungen an der Otto-Preminger-Straße, vermieden werden. Die erste große Geduldsprobe in Sachen Holzbau stand bevor. Voller Einsatz machte es möglich, Unklarheiten zu klären und darauf zu stoßen, dass ein Holzbau doch möglich ist. Wir beschäftigten uns viel mit dem Gedanken an einen Holzbau und sammelten für uns wichtige Punkte (Auszug aus Protokoll): bewusst wohnen, ökologischer Anspruch, aber auch leistbar bleiben; das ganze Haus profitiert von Holzbau, wir setzen uns dafür ein, dass es leistbar bleibt; Recyclebarkeit großes Plus, co2 sparen!; hat auch komplizierte Seiten (Schallschutz, Brandschutz, Kosten); auch andere ökologische Punkte (zB kein Styropor); diesen ökologischen Gedanken auch in anderen Bereichen des Hauses fortführen; geförderter Wohnbau hat gedeckelte Kosten – es wird keine Kostenexplosion geben, aber auf Ausführung achten;…

Am 24.10.2020 entschied sich die Großgruppe ganz offiziell im Konsent dafür, den Weg zu einem Gebäude aus Holz(hybrid)bauweise weiterzuverfolgen. Eine Garantie, dass es tatsächlich ein Holzbau wird, gibt es keine. 

Endlich fand auch unsere zweite Planungswerkstatt mit einszueins Architektur statt. Diesmal konnten wir ganz konkret auf das Grundstück eingehen und zielgerichtet für den Wettbewerb arbeiten. Es waren gleich zwei intensive Tage hintereinander geplant. Am ersten Tag gab es ein großes Kennenlerntreffen der Großgruppe mit dem ganzen Projektteam: Gernot von realitylab, Richard von feld72, Senka von Schwarzatal, Markus, Sebastian und Vanessa von einszueins architektur und Vis-à-Wien.

Wir beschäftigten uns mit der Ausschreibung zum Wettbewerb und mit dem Grundstück auf großen, ausgedruckten Plänen und am Modell.

Der zweite Tag drehte sich um die Frage nach der Lage der Baugruppe im Gesamtgebäude, und wir überlegten intensiv, welche Räume wir in unserem Haus wichtig fänden. Keinem war so recht bewusst, dass wir wahrscheinlich hier die Grundlagen für unseren ersten großen Konflikt innerhalb der Baugruppe legten, der uns viele zusätzliche Abende und viele Nerven kosten sollte: Das Thema der Lage der Baugruppe im Gebäude.

Zum ersten Mal ist der Plan, eine Baugruppe im geförderten Wohnbau mit einem konventionellen geförderten Wohnbau zu kombinieren. Da stellte sich natürlich die Frage, wo ist die passende Lage für uns als Baugruppe im Gebäude? Nachdem wir so früh im Prozess und an der Planung beteiligt waren, hatten wir das große Privileg, uns die Lage im Gesamtgebäude aussuchen zu können. Bei der Planungswerkstatt wurden mögliche Szenarien durchgespielt und Meinungen eingeholt. Das Thema wurde von der Großgruppe in ein kleineres Team verlagert, das “Projektteam”, wo Vis-à-Wien Teil davon ist. 

In den nächsten Treffen wurde, anhand der Rückmeldungen aus der Planungswerkstatt, die Lage der Baugruppe im Gebäude beschlossen. Und irgendwo in diesen Wochen ging irgendetwas schief. War es der Informationsfluss, der schlecht gelaufen ist? Wurde bei so einer wichtigen Entscheidung ein Schritt übergangen, z.B. Konsent einholen? Wir alle wissen es bis heute nicht so genau. Eines steht fest, es war eine intensive Zeit, in der im Zuge des Wettbewerbs viel entschieden werden musste. Soziokratische Strukturen hatten wir noch nicht gefestigt etabliert und parallel liefen die Vorbereitungen zur ersten großen Gruppenerweiterung, die im Jänner 2021 abgeschlossen sein sollte. 

Man kann also sagen, wir hatten einiges um die Ohren. Da ging die Wichtigkeit, den Rückhalt der Großgruppe bei der Entscheidung zur Lage im Gebäude zu haben, wohl irgendwo unter. Dies führte dazu, dass wir zwei Wochen im November dafür aufgewendeten, das Thema “Nordkette” ausgiebig zu beleuchten und aufzuarbeiten. Nachdem wir in einen weiteren Lockdown starteten, musste wieder einmal alles online stattfinden.  An drei aufeinander folgenden Abenden in dieser Woche im November gingen wir dem Thema auf den Grund, jeden Abend drei bis fünf Stunden. Ich erinnere mich an die drückende Stimmung, die herrschte, an Vorwürfe, an Zweifel, an Enttäuschung, an Überforderung. Eine Bandbreite an Gefühlen war verteilt auf alle Baugruppenmitglieder spürbar. Die Situation des sich-nur-online-sehens machte das zwischenmenschliche Miteinander so schwer wie möglich. Es wurde, soweit ich mich erinnere, nicht wirklich gestritten, aber die Forderung, die Lage der Baugruppe im Haus zu ändern, stellte das ganze Projekt vor eine große Herausforderung. Die Leute, die bis dahin im Projektteam bei der Entscheidung dabei waren, waren auch diejenigen, die an die Architekten mit unserer Verunsicherung herantreten mussten. Initiativ zu sein und unzählige Stunden ehrenamtlich in ein Projekt zu investieren, war noch nie so undankbar und belastend, wie in diesem Moment. 

Darauf folgten Gespräche mit einzueins architektur. Unser Zurückrudern in der Lage des Gebäudes sorgte für viel Wirbel. Einszueins architektur erklärte sich bereit, am darauffolgenden Montag der Großgruppe nochmal die Gründe der Wahl für die Nordkettenlage zu erklären. Dankbar nahmen wir auch eine externe Moderation des Treffens durch realitylab in Anspruch. Ich kann mich nicht genau erinnern, ob je ganz geklärt wurde, warum der Prozess so schief lief. Von da an aber waren Konfliktmanagement, Informationsfluss aufrecht halten, soziokratische Strukturen etablieren und mehr Konsente einholen wichtigere Themen denn je.

Es ist bei der Nordkette geblieben, aber diesmal waren alle mit an Bord. Die Extraschleife war notwendig. Das zeichnet uns als Gruppe aus, wir drehen Extraschleifen, weil es uns wichtig ist, gemeinsam hinter einer Entscheidung stehen zu können. Auch wenn es manchmal extrem nervenaufreibend und kräftezehrend ist.

Zu dieser Zeit war auch die erste große Gruppenerweiterung in vollem Gange. Am 6.11.2020 hatten wir einen sehr gut besuchten Online-Infoabend. In den Wochen danach trafen wir uns mit allen Interessent*innen zu einem persönlichen Gespräch, sie konnten an Großgruppentreffen und Neigungsgruppentreffen teilnehmen und so die Gruppe besser kennenlernen. Unsere Weihnachts- und Jahresabschlussfeier feierten wir schon mit vielen neuen Gesichtern. Am 9.1.2021 nahmen wir Christina, Elisabeth, Hanna, Iris, Jakob, Manja, Marieke, Matthias, Mohamed und Nelson und die kleine Ernestine ganz offiziell in den Verein auf. Unsere neuen Mitglieder sind in einer sehr intensiven Phase Teil von Vis-à-Wien geworden. Sie haben, mit uns gemeinsam, gleich die große Verantwortung und das finanzielle Risiko einer Wettbewerbsteilnahme mitgetragen. So viel Vertrauensvorschuss war ein super Gefühl!

Beim Wettbewerb bogen wir auf die Zielgerade ab. Auch ein Wettbewerbsvideo musste mit abgegeben werden, da eine persönliche Präsentation (Hallo Corona) wie so oft nicht möglich war. Es kam der Vorschlag, dass auch ein Kind Teil des Videos sein sollte. Wir waren alle etwas überfragt, wie das gehen könnte. Die Altersempfehlung lautete “7Jahre oder älter”, unser ältestes Vis-à-Wien Kind Theo, war zu diesem Zeitpunkt gerade drei Jahre alt. Doch wir nahmen die Herausforderung an und Theo hat uns nicht hängen lassen und hat die Kinder im Video vertreten.

Am Tag darauf sollten auch alle anderen Vis-à-Wiener*innen Teil des Videos werden. Im gewohnten Online-Meeting-Stil nahmen wir einige Szenen auf, die den gesprochenen Text lebendiger machen sollten.

Am 3.3.2021 wurde das Video in der Jurysitzung präsentiert und danach hieß es warten. Bald kam dann die wichtigste Nachricht für uns als Baugruppe: Wir haben den Wettbewerb gewonnen! Gleich am nächsten Tag trafen wir uns direkt am Baufeld mit dem ganzen Projektteam, um auf den Sieg anzustoßen.

Zu dieser Zeit waren noch immer keine größeren Indoor Treffen erlaubt. Dieser Gewinn war aber zu bedeutend, um ihn online zu feiern. Der eisigen Kälte trotzend, feierten die Vis-à-Wiener*innen ein paar Tage später nochmals – im Freien. Es war eines der wenigen persönlichen Treffen des vergangenen Jahres und es war für uns als Gruppe enorm wichtig.

2 ½ Jahre, 31 Großgruppentreffen, 2 Gemeinschaftswochenenden, 228 Seiten Protokoll, zwei Planungswerkstätten mit einszueins architektur, einen Workshop mit realitylab, eine Vereinsvollversammlung und drei, mal kleinere mal größere, Gruppenerweiterungen nach dem allerersten Treffen im September 2018 ist es endlich so weit – wir haben den Wettbewerb im Village im Dritten gewonnen – wir haben ein Grundstück.

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